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Guy Kawasaki hat 2 Mal direkt für Steve Jobs bei Apple gearbeitet. Ein drittes Jobangebot von Steve schlug er in den 2000ern aus. Er lehnte ab, der 1. CEO  Yahoo zu werden und ist heute unter anderem der Chief Evangelist von Canva – einem von zwei Unicorns aus Australien. Guy erklärt das Produkt so: „Während andere Photoshop starten, hast Du in Canva schon dein erstes Design fertig.“

Wenn jemand wie Guy etwas über die Kunst der Innovation erzählt, hört man am besten zu. Und diese Gelegenheit hatte ich vergangene Woche auf der Netzkonferenz re:publica. Denn: Guy ist auch Brand Ambassador für Mercedes-Benz und die waren mit ihrer Ideen- und Innovationsmaschine Lab1886 vor Ort und hatten the Man himself eingeflogen.

(Tatsächlich hatte ich mich am Vorabend in Guys Insta-Story vergewissert, dass er tatsächlich in Fleisch und Blut vor Ort ist. Sehr hilfreich, wenn man vorab Stories von den Anreiseflughäfen sehen kann.)

Hier die 10 Kernpunkte der Art of Innovation von Guy Kawasaki

1. Make meaning Großartige Unternehmen werden aufgebaut, um eine Bedeutung für ihre Kunden und für sich selbst zu haben. Eine Vision sollte über „schnell wachsen und dann den Exit machen“ hinaus gehen.

Bedeutsame Unternehmensziele, die Guy als Beispiel nannte waren:
Verbessere Lebensqualität – Das Leben für Menschen einfacher, produktiver oder angenehmer machen
Demokratisiere eine Branche – Apple demokratisierte den PC, eBay demokratisierte den Handel, Google demokratisierte Information
Verhindere das Ende von etwas gutem – Stoppe den Klimawandel, rette die Wale oder was dich und ander Menschen bewegt und mit einer Innovation bewahrt werden kann.

2. Jump to the next Curve Eissammler sind Guys Beispiel dafür, wie man die nächste Innovationskurve verpassen kann. Vor gut 200 Jahren gab es Leute, die sich ihr Geld damit verdient haben, Eis im Winter zu sammeln, zu lagern und zu verkaufen. Dann entstanden Eisfabriken. Dann Kühlschränke. PCs: Personal Chillers.\ Das Problem dabei: Die Eissammler haben keine Eisfabriken gegründet. Und die Eisfabrikanten haben keine Kühlschränke gebaut.
Best Case Scenario: Schafft die neue Kurve selber. Dazu müsst ihr alte Muster durchbrechen und neue schaffen.

Und manchmal bedeutet das auch, die heiligen Cash-Cows zu schlachten. Meistens die der Wettbewerber. Als Intrapreneure kann es aber auch bedeuten, die eigenen Cash-Cows anzugreifen, bevor es der Markt tut.

Die nächste Kurve ist nicht ein bisschen besser sondern 10, 20 oder 30 Mal besser.

3. Don’t worry, be crappy Das bedeutet nicht, dass ihr Schrott shippen sollt. Aber: Wenn ihr einen wirklich bedeutenden Innovationsschritt mit eurem Produkt geschafft habt, dann ist es OK, dass Kleinigkeiten noch fehlen oder noch nicht funktionieren. Stichwort: MVP und Ship early, ship often.
Sonst baut ihr immer mehr und mehr Features ein, bis das Produkt endlich perfekt ist, aber bis dahin der Markt auch links und rechts an euch vorbei gezogen ist.
Don’t type. Prototype Also nicht tippen, sondern Prototypen bauen. Nicht überanalysieren, sondern experimentieren und eigene Erfahrungen machen. Auf diesen echten Erfahrungen könnt ihr aufbauen.

4. Churn baby, churn. Etwas unfertiges zu delivern ist OK. Es unfertig zu belassen nicht. Das heisst: Immer weiter verbessern und auf die Kunden hören. Von Version 0.7 bis 2.0. Auch wenn es manchmal hart sein mag, wenn euer Baby kritisiert wird.

„Innovation ist kein einzelner Moment, sondern ein Prozess“

5. Don’t be afraid to polarize people. Viele Unternehmen wollen möglichst mit einem Produkt alle Menschen erreichen. Jede Demographie, an jedem Ort, mit jedem wirtschaftlichen Background und Mindset. Das einzige, was euch damit sicher ist: Mittelmäßigkeit.
Stattdessen solltet ihr euch darauf fokussieren, klar strukturierte Produkte zu schaffen, die kleine Zielgruppen SEHR glücklich machen. Das schlimmste, was euch passieren kann ist, wenn ihr überhaupt keine leidenschaftliche Reaktion bei euren Kunden erzeugt. Denn dann ist euer Produkt bestenfalls austauschbar – schlimmstenfalls überflüssig.

6. Niche Thyself – baut ein Produkt, das einen hohen Wert für Kunden hat und das wenig andere im Markt anbieten.

Wenn ihr aus Einzigartigkeit und Wertschöpfung eine 2×2 Matrix baut, dann erhaltet ihr 4 Quadranten:

  • hoher Wert, niedrige Einzigartigkeit – euer Wettbewerb findet über den Preis statt
  • niedriger Wert, hohe Einzigartigkeit – der Dummheits-Quadrant: Wenn ihr keine Kunden habt, nützt es euch auch nichts, keinen Wettbewerb zu haben
  • niedriger Wert, niedrige Einzigartigkeit – Der Dotcom oder auch Hundefutter-Quadrant. Kurz vor der Dotcom-Krise sagte jemand: „Wir verändern, wie Menschen Hundefutter kaufen und bieten es online an. Wir umgehen die Mittelsmänner und den Handel und so können es die Leute billiger kaufen.“ Was vergessen wurde: Tote Kühe in Dosen sind schwer Die Ersparnis musste in Lieferkosten gesteckt werden. Und kaum eine der 16 Firmen, die Hundefutter online anboten ist noch im Geschäft
  • hoher Wert, hohe Einzigartigkeit – Hier wollt ihr hin. Hier verdient ihr Geld und schafft bedeutsame und wertschöpfende Produkte

7. Breakdown the barriers. Echte Innovationen sind nicht leicht an die Kunden zu bringen. Ganz im Gegenteil. Je innovativer euer Produkt, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Verfechter des Status Quo euch das Leben schwer machen wollen, sobald ihr eine Sichtbarkeit erlangt habt. Guys Ratschlag: Gebt den Kunden so einfach wie es geht die Möglichkeit, euer Produkt zu testen und selbst zu erleben, wie positiv es sich auf ihren Alltag auswirkt.

8. Let a hundred flowers blossom. Seid flexibel, wie eure Kunden euer Produkt nutzen. Versucht nicht, eure Kunden einen Use Case aufzudrücken, den eure Marktforschung ergeben hat. Guys Beispiel: Macintosh floppte bei Bürosoftware, aber Destop Publishers liebten die Produkte. Also fokussierte sich Apple voll auf die kreative Zielgruppe.
Findet die Early Adopters, die euer Produkt lieben und: Findet heraus warum. Baut auf diesen bedeutsamen Gründen weiter auf.

9. Think digital, act analog. Nutzt alle digitalen Möglichkeiten und Werkzeuge, die ihr habt, um euer Produkt zu entwickeln, bekannt zu machen, zu verkaufen. Aber: Innovation zum Selbstzweck ist nicht das Ziel. Zufriedene, zahlende Kunden sind das Ziel. Und das ist eher mit analogem handeln zu erreichen.

10. Don’t let the Bozos grind you down. Bozos sind inkompetente Menschen, die dich runterziehen wollen und es gibt zwei Sorten:

Die Nörgler sind einfach zu erkennen: Zynische, mürrische Leute, die an allem was rumzumeckern haben. Die sind einfach zu umschiffen.

Die reichen, smarten und erfolgreichen Bozos sind die gefährlichen. Die, die ihren Erfolg, ihre Komfortzone und ihren Reichtum gefährdet sehen und Dinge sagen wie:

„Das ist zu viel Aufwand, dort raus zu fahren. Außerdem sehe ich bei euch nicht, wie daraus ein Business werden soll.“

Das hat Guy Kawasaki selber gesagt. Als er den oben erwähnten Posten des 1. CEO bei Yahoo ablehnte. Eine Entscheidung, die ihn persönlich ungefähr 2 Milliarden Dollar gekostet hat.

Heute sagt er: Erkennt die Bozos so schnell wie möglich und werdet sie los! Egal ob es Mitarbeiter, Investoren oder Mentoren sind. Macht euch immun gegen Bozokratie.

Was ist das nächste große Ding (für die Automobilindustrie)?

Hier haut Guy mit voller Ehrlichkeit raus: „Ich bin hier als Markenbotschafter und ich bin ein Marketing-Guy. Wenn ich das nächste große Ding sehe, kann ich sehr wahrscheinlich sagen, wie wir das verkaufen können. Und wenn ich es selber entwickle, würde ich es euch jetzt nicht sagen, sondern bauen und dann verkaufen“

Bonus Tips für Pitches und Public Speaking von Guy Kawasaki:

Die 10/20/30 Regel für Präsentationen:

  • 10 Slides maximal
  • 20 Minuten maximal – auch wenn Du eine Stunde Zeit hast. Lass Raum für Zuspätkommer und QandQ
  • 30 Punkt Schrift – Nimm das Alter der ältesten Person im Raum, teile es durch 2 und die hast die Maximalgröße für deine Präsentationsschrift. Oder: Nimm gleich 30 Point.

Persönlicher Fanboymoment

Tatsächlich verfolge ich Guy Kawasaki seit gut 10 Jahren und nach unzähligen Videotalks und Büchern mit ihm direkt zu sprechen, war ein echtes Highlight.

PS: Sorry, für die Bildqualiät.
Da hat das Telefon gesponnen.
Aber:

„Don’t worry be crappy.“ 

Guy Kawasaki - Alex Kahl - Art of Innovation