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Eine mega interessante Session auf der Hinterland of Things war ein Panel, in dem zusammenarbeitende Startups und Corporates aus dem Nähkästchen geplaudert haben.

Am Start waren Claas und 365Farmnet (ausgegründetes Data Analytics Startup für Landwirte), Dr.Wolff und Valuedesk (Startup für Einkaufs- und Kostenoptimierung) sowie Miele und Plant Jammer (dänisches Startup mit einer KI-gestützten Kochapp).

365Farmnet entstand aus Intrapreneurship

Karl-Heinz Krudewig ist Vice President Product 365FarmNet und begann seine Karriere erst einmal als Landwirt. Ging dann zu Claas und arbeitete zunächst mit seinem jetzigen Ansprechpartner Thomas Böck (CTO Claas) zusammen.

Aus vielen einzelnen, digitalen Insellösungen für Landwirte entstand so die Plattform 365Farmnet, in der Maschinen connected und für die Landwirte in die Cloud geholt werden. Dazu musste erstmal 2 Jahre lang Marketing im eigenen Haus betrieben werden.

Relativ schnell wurde aber auch klar: Der Wettbewerb muss mit einbezogen werden, um für die Kunden – die Landwirte – die bestmögliche Lösung zu bieten. Das konnte nicht in den eigenen Mauern passieren, also wurde das Unternehmen ausgegründet und in Berlin aufgezogen.

Dieser Schritt in ein selbstständiges Umfeld, mit eigenem Budget und ohne den Need für eine SAP-Anbindung hat sich als genau richtig heraus gestellt.

Aber natürlich stand das junge Unternehmen auch vor Schwierigkeiten. In Herzebrock-Clarholz fragten sich einige ehemalige Kollegen natürlich: „Warum die und nicht ich mit meinem Projekt?“

Für das Startup war ein Partner wie Claas aus der Agra-Branche unheimlich wertvoll, weil er weiß, dass es einige Jahre dauern und einen langen Atem bedeuten kann, bis eine Innovation im Markt angenommen wird. Das wäre mit einem VC deutlich schwerer geworden.

Außerdem ist es wertvoll, auf die Ressourcen eines Konzerns zurückgreifen zu können, wenn bsw. schnell das Know-how eines Marketingspezialisten in Frankreich benötigt wird.

Der beste Tipp an Unternehmen, die einen ähnlichen Weg gehen wollen war:

Ihr müsst es euren Leuten erklären. Ihr braucht Brückenbauer, die in beiden Sprachen – Startup und Corporate – fließend sind.

Und: Das Spinoff darf nicht zu weit von der Basis wegfliegen. Der Bezug muss immer hergestellt werden können, damit ein Austausch passieren und gemeinsame Erfolge gefeiert werden können.

3 Tipps an Startups gerichtet lauteten:

  1. Baut nicht zu viel Funktion auf einmal ein, sondern fokussiert euch auf den Kern dessen, was der Kunde wirklich will. Komplexes Verzetteln holt euch immer wieder ein.
  2. Einfach nur Daten anzeigen reicht nicht. Die Daten müssen einen Mehrwert, einen echten Erkenntnisgewinn für den Kunden erzeugen.
  3. Wenn Probleme auftreten, gibt es mehrere Wege: Einfach weiter durchziehen, wenn ihr überzeugt seid. Auf die Bremse treten und eine Entwicklung stoppen sind offensichtlich. Manchmal ist es aber auch lohnenswert, nach links und rechts zu schauen und eine bisher ungesehene Pivot-Möglichkeit entdecken.
Startups und Corporte Hinterland of Things Panel

v.l.n.r.: Dr. Stefan Breit – Miele, Michael Haase – Plant Jammer, Sebastian Borek – Founders Foundation, Torsten R. Bendlin – Valuedesk, Christian Mestwerdt – Dr. Kurt Wolff, Karl-Heinz Krudewig – 365FarmNet, Thomas Böck – CLAAS

Plant Jammer wurde von Miele gescoutet

Michael Haase, Founder und CEO von Plant Jammer war aus Dänemark angereist. Die Koch-App will mit AI die Art und Weise wie wir kochen und essen zu mehr Gesundheit, Playfulness und Nachhaltigkeit verändern. Da bietet sich eine Kooperation mit einem der größten und erfolgreichsten Herstellern von Küchengeräten wie Miele natürlich an.

So beschrieb Dr. Stefan Breit, Executive Director bei Miele, Kochrezepte aus Sicht eines Engineers : Materialplan und Arbeitsanweisung. Der Ansatz von Plant Jammer mit den vorhandenem Material (Zutaten) des Kunden durch AI die Arbeitsanweisungen für ein funktionierendes (leckeres) Endprodukt zusammen zu stellen waren für Miele von besonderem Interesse.

Doch wie fanden Miele und Plant Jammer zusammen?

Miele Venture Capital führte weltweit ein Screening von über 10.000 Startups durch, welche Business Models für eine Kooperation oder Investment interessant sein könnten. Mit etwas über einhundert Gründern wurde bsw. per Skype Kontakt aufgenommen und letztlich blieben 6 Startups übrig, in die investiert wurde.

Michael beschrieb den Vorteil der Zusammenarbeit so: „Miele hat über 100 Jahre Erfahrung mit kochen. Wir haben Erfahrung von 100 Tagen. Da können wir auf jeden Fall was lernen.“

Denn:
Ein Produkt, das für Endkunden attraktiv sein soll, lässt sich selten im stillen Kämmerlein entwickeln. Michael wollte sehen, wie Kunden Plant Jammer nutzen, ausprobieren, welche Fehler sie machen.

Da kamen Mieles Experimentierküchen ins Spiel: Die Testkunden bekamen die App in die Hand. Ohne Erklärungen. So konnte das Plant Jammer Team beobachten wie echtes Verhalten mit dem Produkt aussieht.

In den Herangehensweisen gibt es natürlich Unterschiede, wo beide Seiten voneinander lernen können. Das Startup steht nach einem Fehlschlag wieder auf und macht weiter. Miele baut Produkte für 20 bis 30 Jahre. Da sieht es mit der Fehlertoleranz natürlich etwas anders aus.

Der aktuelle Fokus liegt vor allem darauf, die KI noch stärker darin zu machen, bessere Rezepte mit exzellentem Geschmack zu produzieren. Also Content Creation in Richtung der Kunden bei gleichzeitiger Absicherung der Tech im Hintergrund.

3 Insights für Founder und Corporates:

  1. Exit-Strategie? Fragt man Michael danach, hört man: „Unsere Exit Strategy ist, dass wir keine haben. Wie wollen ein nachhaltiges Unternehmen aufbauen und ich will das für den Rest meines Lebens machen.“
  2. Geschwindigkeit ist der Schlüssel.
  3. Sammelt gezielt Erfahrungen über Projekte und einzelne Aufgaben und weicht nicht sofort zurück, wenn sich einmal Prios ändern.

Michaels Founders-Bonustipp:
„LinkedInning people WAY above your level.“

Valuedesk und Dr.Wolff = Bielefeld Connection

Torsten R. Bendlin hat jahrzehntelang in der Industrie Kostenoptimierung betrieben, um diese Problematik seit 2 Jahren als Founder vom Startup Valuedesk anzugehen. Das Produkt soll die Industrie digital und prozessgetrieben dabei unterstützen, den eigenen Weg zu finden und sich selbst zu helfen.

Ein Mitglied der Geschäftsführung der Dr.Wolff Gruppe wurde auf ganz klassischem Weg auf Valuedesk aufmerksam: Durch einen Presseartikel in der Bielefelder Lokalzeitung. Den Kontakt zum Startup aufzunehmen stellte sich als gar nicht so einfach heraus, da die Webseite noch nicht 100% funktionierte und die Telefonnummer nicht erreichbar war, erzählte Dr.Wolff CFO Christian Mestwerdt auf der Bühne.

Gut, dass ostwestfälische Mittelständler über die sprichwörtliche Sturheit der Region verfügen.

Nach ersten Gesprächen und 2 Wochen Verhandlung hatte Valuedesk die Zusage. „Das war echte Macher-Mentalität!“ sagt Torsten Bendlin. Nichtsdestotrotz dauerte es bis zur Unterschrift und dem tatsächlichen Launch noch einige Monate, bis es losgehen konnte.

Torsten hat daraus folgende Insights gezogen:
1. Die ersten Workshops waren super vorbereitet, aber viel zu technisch. Die Mitarbeiter bei Dr.Wolff wurden nicht da abgeholt wo sie stehen, sondern am Anfang zu sehr mit Anwenderdetails überflutet, bevor sie wussten, wie das Produkt ihnen überhaupt die Arbeit erleichtern kann.
2. Gamification ist eine gute Methode, um Mitarbeiter für ein Produkt zu begeistern: So wollten einige Dr.Wolff Mitarbeiter gerne die coolen Valuedesk-Hoodies kaufen. Torsten embeddete die Challenge gleich ins Produkt: „Wenn ihr euch einen bestimmten Level tief ins Produkt reinarbeitet, bekommt ihr einen Hoodie!“ #Invest4Hours.
2. Ein Appell an die Industrie: Nehmt die Macher-Mentalität für Startups aus der Chefetage in die anderen Abteilungen mit, um den Prozess zu beschleunigen und die PS auf die Straße zu kriegen. Rechts- oder Vertragsabteilung fragen sich sonst zu Recht: „Warum soll ich ein Startup denn anders behandeln als SAP?“

Christian Mestwerdt riet:
Ein Startup Mindset muss vorgelebt und gezeigt werden, dass man keine Angst hat, gute Fehler zu machen:

Fehler bei neuen Dingen machen ist Lernen. Fehler bei Standardaufgaben machen ist Schlamperei.

Dabei unterscheiden sich die Mindsets von Startups und Mittelständlern oft gar nicht so stark, wie man oft denkt erklärte Torsten abschließend, der Valuedesk mit mittlerweile 14 Mitarbeitern dem Startupgedanken entwachsen sieht und es als junges Unternehmen bezeichnet.

Fazit

Eine zentrale Erkenntnis des Panels war, wie wichtig Zeit und Geschwindigkeit sein können. In beide Richtungen: Ein Wunsch lautete, sich gegenseitig etwas mehr Zeit zu geben. Ein anderer Rat ging in die Richtung so viel Speed wie möglich aufzunehmen und in ersten Gesprächen die Menschen auszumachen, die besondere Bereitschaft zu schnellen Entscheidungen und direktem Handeln ausstrahlen.